H95 Raum für Kultur

SZENISCHES KONZERT FIMMENE!

Die Weberinnen

Freitag, 23. Oktober 2020 – Samstag, 24. Oktober 2020, jeweils 20.30h

H95 Raum für Kultur, Türöffnung 19.30h, Eintritt frei – Kollekte

FIMMENE!
Neun Stimmen
singen für Frauen
aus aller Herren Länder

Neun Frauen*, neun Reisende, neun Menschen betreten den Raum; aus der Stille und dem Geräusch ihrer Schritte entsteht ein Ton. Sie stellen ihre Koffer ab und bauen zwischen sich und dem Publikum einen unsichtbaren Webstuhl – aus Liedern und Weisen von Arbeiterinnen und Aktivistinnen aus allen Teilen der Welt werden DIE WEBERINNEN zum Sprachrohr derer, deren Stimmen gestärkt und gehört werden sollen.

Unsere Realität ist untrennbar verstrickt mit dem Leben derer, die auf anderen Kontinenten in Fabriken und Dörfern Stoff herstellen – unter ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mit italienischen, bulgarischen, georgischen, armenischen, türkischen, kurdischen, arabischen, hebräischen, jiddischen, bengalischen, spanischen und afro-amerikanischen work songs und Textfragmenten von Frauen*, die die für uns so wichtigen Kleider und Alltagsgewebe produzieren und gleichzeitig als Mütter, Schwestern und Töchter Tag für Tag für ihre Rechte kämpfen müssen, schärfen FIMMENE! das Bewusstsein: für die Dringlichkeit der Veränderung, für den Ruf nach Gleichstellung und Gleichberechtigung, für das Band, das alle Menschen verbindet. Und so entsteht bei dieser szenisch- musikalischen Stückentwicklung ein klangliches Geflecht, in dem sich Stimmen und Körper dicht und ehrlich in Liedern und Gedichten zu einem szenischen Konzert, einem gesungenen Bühnenstück verweben.

Abélia Nordmann
Gesang, künstlerische Leitung Musik, Projektleitung; Arrangements, Komposition
Dorothea Mildenberger
Gesang, künstlerische Leitung Theater, Projektleitung
Annatina Stalder
Gesang
Fabienne Rotzetter
Gesang, Sprache
Gizem Şimşek
Gesang, Cello, Sprache
Lea Steinle
Gesang
Odilia Mussler
Gesang
Serena Denkwa
Gesang, Kora, Sprache
Simone Meier
Gesang
www.fimmene.ch

“Wir haben Stimmen, die gehört werden können – andere nicht!” – Frau sein in der Gesellschaft und die Sehnsucht danach, dass sich vieles ändert: FIMMENE! arbeitet mit Liedern und Texten von bekannten und unbekannten SchriftstellerInnen, KomponistInnen und AktivistInnen aus allen Teilen der Welt. Als bewusst nicht rein professionelles Vokalensemble bündelt es die stimmliche Kraft und den kulturellen Hintergrund seiner neun unterschiedlichen Mitglieder; der Name FIMMENE! stammt aus einem süditalienischen Arbeiterinnenlied und bedeutet “Frauen”.

Das Ensemble besteht aus Serena Dankwa (Moderatorin, klass. Gitarristin, Geschlechterforschung, Interkultur, Mutter), Simone Meier (Mutter, Pflegefachkraft, Allrounderin), Dorothea Mildenberger (Theaterpädagogin, Performerin, Dramaturgin), Odilia Mussler (Medizinerin, Mutter), Abélia Nordmann (Dirigentin, Sängerin, Produktionsleitung), Gizem Şimşek (Sängerin, Cellistin, Lehrerin), Annatina Stalder (Shiatsu-Therapeutin, Sexualberaterin, Tänzerin), Lea Steinle (Meeresbiologin, Grossrätin, Mutter) und Fabienne Rotzetter (Sozialwissenschaftlerin, Sängerin) und setzt sich mit seinen Konzerten für die Stärkung der Frauen- und Menschenrechte ein.

Stück

DIE WEBERINNEN

“Die Weberinnen” ist eine vielstimmige Auseinandersetzung mit der Welt. Ausgehend von der Textilarbeit werden grundmenschliche Themen vernetzt und entwirrt; sie bleiben in ihrer Dringlichkeit und Zeitlosigkeit auch einzeln klar erkennbar. Die Aspekte sind aktivistisch, düster, fein, kraftvoll – und sollen gerade in ihrer Vielschichtigkeit gehört werden. Aus diesen Bausteinen entstand ein szenisches Konzert, das den Rahmen des Erwartbaren sprengt, ein gesungenes, irritierendes, berührendes, aufwühlendes Koffertheaterstück.

FÄDEN // Inhalt

Die wichtigsten Inhalte des Projekts lassen sich auf vier thematische Stränge verteilen. Diese bestimmen nicht die zeitliche Struktur des Stücks, sollen aber helfen, die Inhalte im Folgenden geordnet darzustellen, und dienten als Grundlage für die Probenarbeit. DIE WEBERINNEN treten mitten in das Spannungsfeld der WEIBLICHKEIT zwischen Freude, Urkraft, Menschenliebe – und Ausbeutung, Unterdrückung, Verfolgung. Der immer lauter werdende Kampf um Gerechtigkeit und Gleichstellung, die Friedensarbeit vieler kleiner und grosser Frauen- initiativen und der offensichtliche Handlungsbedarf sind Spielbälle einer weltweiten POLITIK, die sich gegen Menschlichkeit und Solidarität richtet. Mit der Thematik des MUTTER SEINS beleuchten DIE WEBERINNEN neben liebender Fürsorge und beruhigender Geborgenheit auch die verzweifelte, überforderte, monströse Seite der Mütterlichkeit. Grundgewebe und Inspiration ist die TEXTILARBEIT an den Webstühlen, Spinnrädern, in den Walkmühlen und Fabriken der Welt, in denen Kinder, Frauen und Männer zwischen Kreativität und Ausbeutung in der Textilindustrie arbeiten.

WEBART // Form

DIE WEBERINNEN kommt als “Vier-Koffer-Stück” mit schlichter Ausstattung und wenig technischem Equipment aus, lässt sich transportieren und stellt der Schwere des Inhalts eine radikale Leichtigkeit gegenüber. Das Fahren der Technik ist künstlerischer Teil des Stücks und wird von den auftretenden Frauen selbst geregelt – sie bleiben auch auf der Bühne unabhängig und produzieren ein szenisches Konzert, das auf jedem Dorfplatz und in jedem Theater der Welt spielen kann. FIMMENE! unterstützte mit seinen Konzerten bisher Organisationen, die sich für den Schutz und die Rechte von Frauen einsetzten. Dabei stand die Arbeit am Klang im Vordergrund. Nach zwei Jahren reger Bühnenpräsenz mit Texten und Liedern ihrer Schwestern aus der ganzen Welt stellen sie sich den WEBERINNEN nun auch mit ihren Körpern - im Raum, als Vereinzelte, als Konstellationen, als Gruppe, als Kämpfende, als Weinende. Pointiert eingesetzte Materialien – ein Diaprojektor, ein Faden, ein Leichentuch – bilden einen starken Kontrast zur Vielfalt und Farbigkeit des musikalischen Materials. Die räumlichen und klanglichen Ebenen verschieben, verdichten, vermischen sich und stellen für einen Moment die Verbindung und Verbindlichkeit von materieller Sicherheit, betrachtendem Publikum und singenden Frauen auf den Kopf.

MATERIAL // Texte

Der Titel der WEBERINNEN bedient sich des sozialkritischen und politisch brisanten “Schauspiels aus den vierziger Jahren” von Gerhart Hauptmann, das den Aufstand der schlesischen Weber von 1844 auf die Bühne brachte; der Ausbruch der Webersfrau Luise, in dem die ganze Not der “Elendsmenschen” zur Sprache kommt, klingt in der Arbeit zum Stück immer mit. “Mit Euren bigotten Räden… dadervon da is mir o noch nich amal a Kind satt geworden. Derwegen hab se gelegen alle viere in Unflat und Lumpen. D wurd’ ooch noch nich amal a eenzichtes Winderle trocken. Ich will ‘ne Mutter sein, dass d’s weesst! und deswegen, dass d’s weesst, winsch’ ich a Fabrikanten de Helle und de Pest in a Rachen nein. Ich bin ebens ‘ne Mutter. (…) Was hat so a Kindl verbrochen, hä? und muss so a elendigliches Ende nehmen.” Das Lied dieser ersten grossen sozialen Revolte im damaligen Deutschland war die “Hymne vom Blutgericht”, das die Gerechtigkeit fordernden Weber in ihren Protestmärschen durch die Dörfer und Städte sangen. Heinrich Heine formulierte es zu seinem Gedicht “Die armen Weber” (1844) um. Die bekannteste Zeile daraus ist “Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch; wir weben! Wir weben!” Dieses Textmaterial, geschrieben und publiziert von weissen Männern aus der westlichen Welt, bleibt für die WEBERINNEN ein stummes Element in der Entwicklung der Produktion. Im Zentrum stehen für uns die Texte derer, die wir hörbar machen wollen: arabisch-hebräische Lieder aus dem Nahen Osten; Gedichte wenig bekannter Autorinnen wie Audre Lorde (“A Litany for Survival”), Lesley Gore (“You don’t own me”) oder Sairojini Naidu (“Golden Threshold”, vertont von Abélia Nordmann); Texte junger Schrift- stellerinnen, die dank der digitalen Vernetzung an die Öffentlichkeit treten können. FIMMENE! legt mit diesem Stück auch sehr persönliche Funde auf den Tisch: Politisches und Privates, Artikel und Briefe, Zeitungsartikel, Kontakte zu Betroffenen und Engagierten und eigene Verstrickungen und Kompositionen.

FARBE // Klang

Lieder und Texte sind verbunden und ineinander geschichtet, sie überlagern sich, generieren Stille, lassen hellhörig werden. FIMMENE! arbeitet dabei sorgsam und forschend an dem jeweiligen Klang, den jedes Stück verlangt: vom kehlig-nasalen bulgarischen Frauenlied über die Protestfarbe eines amerikanischen Streiklieds von 1911 zur traurigen Leichtigkeit einer isländischen Volksweise, in der eine Mutter ihre Kinder in den reissenden Bach wirft, weil sie sie nicht ernähren kann. Die gleiche Geschichte findet sich in der mexikanischen “Llorona”, die “Weinende”, wieder. FIMMENE! konfrontiert ausgewählte Lieder auf Armenisch, Türkisch und Kurdisch mit dem schmerzhaften Thema der politischen Unversöhnlichkeit. Mit zweisprachigen Liedern wie “Nämi Numi”, “This Land” und “Prayer of the Mothers” (Arr. Abélia Nordmann) teilt FIMMENE! den Appell der Sängerin und Aktivistin Yael Deckelbaum, Mitinitiantin der Women Wage Peace-Bewegung, mit der seit 2016 zehntausende Frauen und Kinder in Israel und Palästina gemeinsam eine Lösung des Konflikts fordern. Genauso eindringlich erklingen Stücke aus der Zeit der Apartheid, Muttergesänge aus Nigeria und Ghana und ein Wiegenlied aus Bangladesh, wo 2013 die Textilfabrik von Dhaka einstürzte und die Öffentlichkeit kurz auf die dortigen Produktionsbedingungen aufmerksam wurde. Gälische waulking songs – gesungene Anweisungen zum Bearbeiten von Wollgewebe – oder das jiddische Lied “Die drej Nejtorn”, “Die drei Näherinnen” (Arr. Abélia Nordmann) besingen die kreative Freude am gemeinsamen Textialarbeiten genauso wie das Leid und die Ermüdung in der Fabrik. Durch Lieder wie “Fimmene, Fimmene”, das die sexuelle Ausbeutung der Erntearbeiterinnen in Sizilien thematisiert, oder das in der gleichen Zeit entstandene “Wiegenlied für Arbeitermütter” von Hanns Eisler (1898 – 1962) nach einem Text von Bert Brecht (1898 – 1956) wird offensichtlich, dass sich in 100 Jahren in manchen Teilen der Erde zwar viel verändert hat, aber viele Frauen* nach wie vor gegen Unterdrückung kämpfen müssen. Und dass sie das auch tun – mit Freude, Zusammenhalt und Kraft. Dese Kraft wird im verwobenen Liedergeflecht der WEBERINNEN hör- und sichtbar.

Biografien

Dorothea Mildenberger // Künstlerische Leitung Theater & Projektleitung

Dorothea Mildenberger ist in München aufgewachsen. Bachelor in Theaterpädagogik und Master Transdisziplinarität an der ZHdK. Zweifache Stipendiatin der Karolina-Rüedi-Stiftung. Sie mag Musik, Menschen, Milchkaffee und Alliterationen. Steht immer mal wieder auf der Bühne und macht gerne Projekte mit verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Bereichen. Unter anderem in einem alpinen 37-Einwohner-Dorf, der Staatsoper Hamburg, dem transform-Festival Bern, dem Würfel auf dem Park Platz am Zürcher Letten, dem Schauspielhaus Zürich. Häufig im Themenfeld Wissensaustausch und irgendwo zwischen Theater, Performance, Konzert und Installation und irgendwie in Richtung Kunst. Übt sich ausserdem in Latte Art. Sie ist Gründungsmitglied von FIMMENE!, arbeitet zurzeit als Operndramaturgin am Nationaltheater Mannheim und plant die Release des ersten Albums ihrer Band ACID AMAZONIANS.

Abélia Nordmann // Künstlerische Leitung Musik & Projektleitung

Abélia Nordmann (Deutschland/Frankreich) leitet Chöre, Ensembles und Produktionen in Basel und in den Nachbarländern der Schweiz. Sie ist Dirigentin des jungen Vokal- und Instrumentalensembles kollektiv novantik, des contrapunkt chor, des Projektchors ensemble liberté, des Kinder- und Jugendchores Lörrach und des trinationalen Ensemble Choeur3; sie ist Kulturrätin Basel-Land und liess 2018 die Frauen*aktivistinnen FIMMENE! und das cocollectif mitentstehen. Seit 2016 wächst gleichzeitig das Ideenhaus L’ARCADE im französischen Südwesten. Abélia Nordmann schloss ihren Specialised Master in Chorleitung an der Hochschule für Musik Basel 2013 ab. Interdisziplinäre Brückenprojekte und die Berührung von Alter und Neuer Musik bilden den Schwerpunkt ihres Engagements, das Welt und Kunst mit offenen und kritischen Ohren wahrnimmt; Abélia Nordmanns Projekte begegnen dabei immer auch sozialen und politischen Fragen. 2016 erhielt ihre Arbeit den Förderpreis Musik des Kantons Basel-Landschaft.

www.abelianordmann.com